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Wenn die Liebeserklärung zur Kränkung wird – warum Paare dieselbe Situation so unterschiedlich erleben

Eine Hand hält einen Strauß weißer Rosen, eine zweite Hand setzt eine Gartenschere an die Stiele
Die gekürzten Rosen – wenn eine Liebeserklärung zur Kränkung wird. Die Geschichte von Alex und Elena.

Paare kommen mit sehr unterschiedlichen Erwartungen in eine Paartherapie. Nicht selten lautet die unausgesprochene Hoffnung: „Wenn der andere sich ändert, ist alles gut.“ Oder: „Geben Sie uns jetzt einfach die richtigen Tipps, damit unsere Beziehung wieder funktioniert.“ Systemische Paartherapie setzt an einem anderen Punkt an. Sie beschäftigt sich weniger mit der Frage, wer recht hat oder wer sich verändern müsste, sondern damit, wie beide Partner Situationen erleben, welche Bedeutung sie ihnen geben und welche Dynamik daraus zwischen ihnen entsteht.

Von Andreas Krings

Ein Praxisbeispiel macht einen zentralen Aspekt dieser Arbeit sehr anschaulich:

Alex und Elena

Ein Paar sitzt eng nebeneinander auf einem Sofa und blickt ruhig nach vorn
Zwei Menschen, dieselbe Situation – und zwei sehr unterschiedliche Erfahrungen davon.

Alex und Elena kennen sich seit zwei Jahren. Alex hat große Freude daran, Elena regelmäßig Blumen zu schenken, um ihr seine Wertschätzung und Liebe zum Ausdruck zu bringen. Zu Elenas Geburtstagsparty erscheint er mit einem großen Strauß hochwertiger Baccara-Rosen. Elena nimmt die Blumen dankend an, kürzt sie vor seinen Augen auf etwa zehn Zentimeter Länge und sagt: „Ich weiß, das ist ein Frevel, aber du rettest gerade meine Tischdekoration.“

Was für Elena in diesem Moment möglicherweise eine ausgesprochen pragmatische Handlung ist, erlebt Alex als deutliche Kränkung. Für ihn waren die Rosen Ausdruck von Aufmerksamkeit, Wertschätzung und Liebe. In dem Moment, in dem sie gekürzt und zu einem Bestandteil der Tischdekoration werden, verändert sich für ihn die Bedeutung seiner Geste. Er erlebt nicht: „Mein Geschenk wird sinnvoll verwendet“, sondern eher: „Etwas, das ich persönlich für dich ausgesucht habe, verliert gerade seine besondere Bedeutung.“

Welche Wahrnehmung ist richtig?

Vielleicht denken Sie beim Lesen spontan: „Wie kann man einen solchen Rosenstrauß einfach abschneiden?“ Vielleicht denken Sie aber auch: „Warum macht man daraus überhaupt ein Problem? Es sind doch nur Blumen.“ Beide Reaktionen sind nachvollziehbar. Für die Lösung eines Beziehungskonfliktes helfen sie allerdings zunächst wenig weiter, denn die entscheidende Frage ist nicht, welche Bewertung objektiv richtig ist.

Wir wissen nicht, welche Absicht Elena mit ihrer Handlung verbunden hat. Vielleicht wollte sie Alex überhaupt nicht verletzen. Möglicherweise empfand sie die Verwendung der Rosen sogar als Wertschätzung: Sein Geschenk löst ein konkretes Problem und wird gleichzeitig sichtbar Teil ihrer Feier. Wir wissen aber, wie Alex die Situation erlebt hat und welche Bedeutung sie für ihn bekommen hat. Und dieses Erleben verschwindet nicht dadurch, dass Elena die Verletzung möglicherweise nicht beabsichtigt hat.

Absicht und erlebte Wirkung sind zwei unterschiedliche Ebenen.

Genau hier liegt ein wichtiger Punkt vieler Beziehungskonflikte. Einer der häufigsten Sätze in Auseinandersetzungen lautet: „So habe ich das doch überhaupt nicht gemeint.“ Dieser Satz kann vollkommen wahr sein. Er beantwortet aber nicht die ebenfalls berechtigte Aussage des Partners: „So ist es bei mir angekommen.“

Zwei unterschiedliche Wirklichkeiten

Systemische Paartherapie versucht deshalb nicht zuerst zu entscheiden, wer von beiden recht hat. Interessanter ist die Frage, welche Bedeutung dasselbe Ereignis für beide Partner bekommen hat.

Für Elena können die Rosen in diesem Moment eine pragmatische Ressource gewesen sein: „Perfekt, jetzt habe ich genau die Blumen, die mir für die Tische noch gefehlt haben.“ Da Alex ihr regelmäßig Blumen schenkt, erlebt sie diesen Strauß möglicherweise weniger als außergewöhnliches Beziehungssymbol. Vielleicht bedeutet ihre Verwendung der Rosen für sie sogar: „Dein Geschenk gehört zu meiner Feier und ist überall sichtbar.“

Für Alex können dieselben Rosen dagegen etwas vollkommen anderes bedeuten: „Ich habe etwas Besonderes für dich ausgesucht und wollte dir damit zeigen, was du mir bedeutest.“ Wenn die Blumen unmittelbar gekürzt und für einen anderen Zweck verwendet werden, kann sich das für ihn so anfühlen, als werde nicht nur der Strauß verändert, sondern auch die Bedeutung seiner Geste.

Der äußere Vorgang ist derselbe. Die Bedeutung, die beide ihm geben, könnte jedoch kaum unterschiedlicher sein. Genau solche Unterschiede führen in Beziehungen häufig zu Konflikten, bei denen beide überzeugt sind, der andere müsse doch erkennen, was „offensichtlich“ passiert ist. Dabei ist in Beziehungen erstaunlich wenig selbstverständlich oder offensichtlich.

Vielleicht kennen Sie solche Situationen selbst: Eine Bemerkung, eine nicht beantwortete Nachricht, ein bestimmter Tonfall oder eine scheinbar beiläufige Handlung ist für den einen völlig harmlos und für den anderen hochgradig bedeutsam. Nicht unbedingt das Ereignis selbst verursacht den Konflikt, sondern die Bedeutung, die es innerhalb der jeweiligen Beziehungserfahrung bekommt.

Wie aus einem Moment ein Konfliktmuster entstehen kann

Interessant wird deshalb auch, was nach einer solchen Situation geschieht. Angenommen, Alex fühlt sich verletzt und wird stiller. Elena bemerkt seinen Rückzug und interpretiert ihn möglicherweise als schlechte Laune oder als unangemessene Reaktion auf einen schönen Abend. Sie reagiert genervt. Alex wiederum erlebt diese Reaktion vielleicht als weitere Bestätigung dafür, dass seine Gefühle offenbar keine Bedeutung haben.

So kann innerhalb kurzer Zeit eine Schleife entstehen: Einer fühlt sich verletzt und zieht sich zurück, der andere erlebt diesen Rückzug als Ablehnung und reagiert ebenfalls gereizt oder distanziert. Diese Reaktion verstärkt wiederum die ursprüngliche Verletzung. Irgendwann diskutiert das Paar vielleicht längst nicht mehr über Rosen, sondern über Respekt, Wertschätzung, Nähe oder die Frage, ob man dem anderen überhaupt wichtig ist.

Systemische Paartherapie interessiert sich genau für solche Schleifen. Nicht, um einen Schuldigen zu bestimmen, sondern um gemeinsam zu verstehen, wie beide Partner – oft völlig unbeabsichtigt – zu einem Muster beitragen, unter dem am Ende beide leiden.

Muss ein Konflikt immer sofort angesprochen werden?

In unserem Beispiel sprach Alex seine Kränkung während der Geburtstagsfeier zunächst nicht an. Er zog sich nicht demonstrativ zurück, verließ die Feier nicht und machte seinen inneren Konflikt nicht vor den Gästen zum Thema – obwohl er im weiteren Verlauf des Abends weitere Situationen als kränkend oder abwertend erlebte. Von außen könnte man daraus vorschnell schließen, dass er sich angepasst oder seine Gefühle unterdrückt hat.

Das muss jedoch nicht so sein. Es war die Geburtstagsfeier seiner Partnerin, Gäste waren anwesend und der Abend hatte einen eigenen sozialen Rahmen. Alex konnte durchaus zu der Entscheidung kommen, dass seine Verletzung wichtig ist, der Zeitpunkt aber ungeeignet. Konfliktfähigkeit bedeutet deshalb nicht automatisch, alles sofort auszusprechen. Sie kann ebenso darin bestehen, einen geeigneten Zeitpunkt, einen angemessenen Rahmen und zunächst auch die eigene emotionale Regulation zu wählen.

Entscheidend ist allerdings, dass aus dem Aufschieben kein dauerhaftes Verschweigen wird. Wer einen Konflikt später in Ruhe ansprechen möchte, handelt anders als jemand, der seine eigene Wahrnehmung aus Angst vor Auseinandersetzungen dauerhaft zurückstellt.

Zwischen Anpassung und Angriff

Ein gekränkter Partner hat grundsätzlich verschiedene Möglichkeiten. Er kann seine Verletzung verschweigen, um keinen Streit zu riskieren. Nach außen wirkt das möglicherweise harmonisch, langfristig kann jedoch Frust entstehen. Er kann die andere Person aber auch angreifen: „Wie respektlos kann man eigentlich sein?“ Dann bringt er seine Verletzung zwar zum Ausdruck, erklärt gleichzeitig aber seine eigene Wahrnehmung zur einzigen Wahrheit.

Eine andere Form der Kommunikation könnte lauten: „Ich glaube dir, dass du mich damit nicht verletzen wolltest. Gleichzeitig hat es mich tatsächlich verletzt. Für mich waren diese Rosen etwas Persönliches, und in diesem Moment hat es sich so angefühlt, als würde meine Geste ihre Bedeutung verlieren.“

Ein Paar sitzt an den beiden Enden eines Sofas und spricht miteinander
Beide Wahrnehmungen dürfen nebeneinander bestehen bleiben – ohne dass eine davon gewinnen muss.

Damit gibt Alex seine eigene Wahrnehmung nicht auf. Gleichzeitig muss Elena deshalb nicht zugeben, etwas objektiv Falsches getan zu haben. Beide können versuchen zu verstehen, warum derselbe Moment für sie eine vollkommen unterschiedliche Bedeutung hatte.

Was macht systemische Paartherapie daraus?

Systemische Paartherapie versucht nicht, festzustellen, ob Elena die Rosen hätte abschneiden dürfen oder ob Alex sich verletzt fühlen durfte. Sie unterstützt ein Paar dabei zu verstehen, welche Bedeutungen, Erwartungen und bisherigen Erfahrungen hinter solchen Situationen stehen und wie daraus wiederkehrende Muster entstehen.

Vielleicht kann Elena irgendwann sagen: „Jetzt verstehe ich, was dieser Moment für dich bedeutet hat.“ Und Alex kann sagen: „Jetzt verstehe ich, dass du mich damit wahrscheinlich überhaupt nicht verletzen wolltest.“ Genau darin zeigt sich Haltung. Damit ist nicht automatisch jeder Konflikt gelöst. Aber es verändert die Grundlage, auf der beide miteinander sprechen.

Die Herausforderung besteht darin, zwei unterschiedliche Wirklichkeiten nebeneinander bestehen zu lassen, ohne dass eine davon gewinnen muss. Der eine muss seine Verletzung nicht verleugnen und der andere muss sich nicht zu einer Schuld bekennen, die er selbst nicht empfindet.

Genau dort beginnt häufig gute Paararbeit: Unterschiedlichkeit auszuhalten, ohne die Verbindung aufzugeben.

Das zu verstehen, ist meist relativ einfach. Es in einem emotional aufgeladenen Moment tatsächlich umzusetzen, ist deutlich schwieriger. Dabei kann systemische Paartherapie unterstützen.

Genau deshalb halten wir die Intensivbegleitung bei viva.coach für so sinnvoll: Sie bietet die Möglichkeit, solche Erkenntnisse nicht nur zu verstehen, sondern sie im Alltag konkret anzuwenden, zu erproben und neue Formen des Umgangs miteinander einzuüben.

Andreas Krings, Gründer von viva.coach

Andreas Krings

Unternehmer und systemischer Paartherapeut

Andreas Krings begleitet bei viva.coach Paare in unterschiedlichen Beziehungssituationen. Seine systemische Ausbildung verbindet er mit langjähriger unternehmerischer Erfahrung und einem besonderen Blick auf Paare, deren persönliche, familiäre und wirtschaftliche Lebensbereiche eng miteinander verbunden sind.

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Wenn sich Konflikte immer wieder auf ähnliche Weise wiederholen, kann ein gemeinsamer Blick auf die zugrunde liegende Dynamik hilfreich sein.